Loslassen lernen

Ja, es tut mir weh

Auch auf einem ganz anderen Gebiet müssen wir vermutlich lernen loszulassen und zwar im Bereich der Gefühle. Emotionen wie Schmerz und Leid leben im halbbewussten Bereich der Gefühle und beeinflussen von dort aus nicht nur unserer Empfindungen, sondern auch unser Denken. Solange wir nicht entschlossen an unseren tiefsitzenden Schmerz herangehen, bleibt die Erinnerung an ihn wach und wir werden kaum Linderung oder Heilung erfahren. Wir müssen also langsam versuchen den Schmerz in uns aufzuspüren, ihn uns eingestehen und lernen, ihn zu akzeptieren. Eingestehen heißt einfach “ja” sagen, “es tut mir weh, dass ich zum Beispiel betrogen, verleumdet oder verlassen wurde”. Sich den Schmerz nicht einzugestehen, würde bedeuten, so zu tun, als würde mir alles nichts ausmachen. So zu tun, als ginge es mir gut, obwohl meineWelt zusammengebrochen ist und mir eigentlich nur noch zum Weinen zumute ist. Es hieße den Schmerz übergehen und ihn verdrängen. Praktiziert man das fortwährend, sinkt er ins Unterbewusste, wuchert und vagabundiert dort, um schließlich irgendwann wieder als Krankheit aufzutauchen. Akzeptieren ist lernen, damit umzugehen Den Schmerz akzeptieren bedeutet nicht, es gut finden, dass es uns weh tut. Akzeptieren ist vielmehr lernen, damit umzugehen, ist lernen, den Schmerz zu bewältigen. Das heißt eine kreative Antwort auf ihn zu finden, so wie es die Muschel tut, wenn sie ein Steinchen in eine Perle verwandelt. Viele grandiose Kunstwerke sind entstanden, weil der Künstler seine aufgewühlte Seele, seine Trauer oder seine Zerrissenheit auf Papier gebannt, in Stein gehauen, in Worte gefasst oder in Töne verwandelt hat. Ohne Schmerz und Leid wäre viel Kunst oberflächlich und schal. Den Tiefgang erhält sie, weil der Künstler sein Leid auf seine individuelle Art ausgedrückt und kreativ verarbeitet hat.

Jetzt reicht es, lass mich in Ruhe Jeder von uns ist nun aufgerufen, seinen Schmerz auf seine ganz persönliche Art zu verwandeln und etwas Sinnvolles daraus entstehen zu las sen. Sei es, dass wir anfangen zu malen, zu plastizieren, einem Chor beizutreten oder, dass wir eine Selbsthilfegruppe gründen. Es ist nun an der Zeit sich vom Schmerz zu verabschieden. Er gehört ab jetzt nur noch verwandelt und nur verarbeitet in unser Leben. Manchmal müssen wir da vielleicht etwas nachhelfen und zu ihm sagen: “Jetzt reicht es, lass mich in Ruhe!”, und zwar immer dann, wenn er uns wieder überfallen und niederdrücken will.

Schmerz und Leid sind nicht nur Reaktionen auf etwas, das uns zugestoßen ist, sondern sie haben eine Bestimmung, eine Aufgabe in unserem Leben. Ist diese erfüllt, müssen sie gehen, sonst fesseln sie uns an die Vergangenheit und wir treten auf der Stelle. Um uns über den Schmerz und seinen Aufgabe etwas klarer zu werden, sollten wir vielleicht noch etwas weiter ausholen, um näher auf ihn eingehen zu können.

Vor der Vertreibung aus dem Paradies lebte der Mensch ja in seliger Unschuld. Doch die Begierde nach Erkenntnis verleitete ihn, von der verbotenen Frucht zu essen. Er ließ sich verführen und entfernte sich so eigenmächtig aus dem göttlichen Einklang. “Du sollst mit Schmerzen Kinder gebären”, sagte die Gottesstimme zu Eva und zu Adam sprach sie: “Verflucht sei der Acker um deinetwillen, mit Kummer sollt du dich darauf nähren dein Leben lang”. Von Geburt an ist also der Mensch verflucht, sein Leben auf der Erde mit Leid zu erkaufen.

Leid als Gegengift zum Sinnesrausch

Schmerz und Leid werden gleichsam eine Arznei, ein Gegenmittel, das uns von der göttlichen Macht verabreicht wird, nachdem wir der Stimme der Paradiesschlange erlagen. Mit der Frucht der Erkenntnis nahmen wir nämlich auch die Gier nach Sinneserfahrung, nach Sinnesrausch in uns auf. Der Schmerz soll uns nun daran hindern diesem Rausch zu erliegen.

Schmerz und Mühsal des alltäglichen Lebens haben nämlich eine sühnende, eine wiedergutmachende Wirkung auf die menschliche Seele. Sie läutern uns von der Begierdennatur und helfen uns aus den Verstrickungen der eigenen Selbstsucht, des Egoismus zu lösen. Gehen wir nun einmal von einer physischen Verletzung aus. Angenommen wir schneiden uns in den Finger. Da werden die Nervenbahnen und der Blutfluss getrennt und der Strom der  Lebensenergien unterbrochen. Die Energien oder Kräfte werden durch die Unterbrechung gestaut und damit bewusst, denn jetzt tritt der Schmerz auf. Und dieses gilt wie ein Gesetzt für den ganzen Organismus. Normalerweise denken wir ja kaum an unsere Organe oder Gelenke. Solange sie funktionieren entziehen sie sich geradezu unserem Bewusstsein. Doch wehe, wenn sie krank werden und irgendeine Stauung der Lebensprozesse tritt auf, dann wissen wir durch den Schmerz nur all zu gut, dass wir einen Zahn, eine Galle oder was auch immer haben. Der Schmerz wirkt wie ein Signal, wie ein Wächter, der uns auf die Lebensstörung, beziehungsweise auf die Erkrankung aufmerksam macht. Er rüttelt uns wach, macht uns bewusst, dass da etwas nicht in Ordnung ist, damit wir dagegen etwas unternehmen sollen.

Könnte das beim seelischen Schmerz nicht ähnlich sein? Nehmen wir an, wir werden von jemand verlassen. Jetzt ist der Energieaustausch von Geben und Nehmen unterbrochen. Der Lebensstrom wird gestaut und das empfindet die Seele als Schmerz. Durch den Schmerz wird uns bewusst, wie viel uns dieser Mensch eigentlich bedeutete.

Lieben ist schöner als geliebt zu werden Doch durch diesen Schmerz können wir auch irgendwann erkennen, wie viel Egoismus noch mit diesem Liebesgefühl verbunden ist. Es heißt nicht um sonst: “Lieben ist schöner als geliebt zu werden”. Liebe ist nämlich als Erhöhung unseres eigenen Daseinsgefühls zunächst ein Selbstgenuss. Und von diesem Selbstgenuss, von diesem egoistischen Einschlag wird sie nun durch den Schmerz befreit und zur wahren, selbstlosen Liebe geläutert. Jede Liebe, die das Geliebte auf einer bestimmten Stufe festhalten möchte, wird irgendwann qualvoll feststellen, wie sehr sie nur an den vergänglichen Hüllen des in innigst Geliebten hing. Die Schmerzen der Entbehrung können uns nun aufrufen, das Geliebte auf einer anderen Daseinsebene zu suchen. Kreativ soll die Seele auf das Leid antworten lernen. Das bedeutet, die Seele soll eigentlich durch das Leid irgendwann hellsichtig, das heißt “sehend” werden. So wie der Dichter Novalis durch den Tod seiner Verlobten hellsichtig wurde. Oder Gotama Buddha, der durch Mitleid, allein durch den bloßen Anblick von leidenden Menschen “aufwacht” und den metaphysischen Blick bekommt.

Nun werden die wenigsten von uns durch den erlittenen Schmerz hellsichtig werden, weil wir ja von der seelischen Reife eines Gotama Buddha noch weit entfernt sind. Doch jeder Schmerz, jedes Leid wird unseren Horizont und unser Bewusstsein erweitern und wir werden danach nicht nur unser Leben, sondern auch die Welt mit anderen Augen sehen.


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